Tarifaktion bei 50Hertz - Interview

Holger Nieden: Da muss noch ꞌne kräftige Schippe drauf!

Die Forderungen der Verhandlungskommission von IG BCE und ver.di in der Tarifrunde für die Tarifgemeinschaft Energie sind auf dem Tisch – die Arbeitgeber aber ergehen sich noch in Ritualen. Sie machten in der ersten Runde ein Angebot, das erst Entsetzen, dann mildes Lächeln hervor rief. Anlässlich der Tarifaktion beim Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz sprach die IG BCE in Berlin-Mark Brandenburg mit Holger Nieden, Verhandlungsführer der IG BCE.

IG BCE

Holger Nieden Holger Nieden

Lieber Holger, die erste Verhandlung für die Tarifgemeinschaft Energie (TG Energie) ist gelaufen. Laut Deinen Worten war sie alles andere als zufriedenstellend. Warum?

Die Arbeitgeberseite trägt Rituale vor sich her wie eine Monstranz. Darüber habe ich mich sehr geärgert. Im Augenblick scheinen sie unbedingt alle drei vorab vereinbarten Verhandlungstermine ausschöpfen zu wollen. Es wird von ihrer Seite aus gespielt und gezockt.

Woran machst Du das fest?

Ich mache das an dem ersten Angebot fest. Sie legten 2,6 Prozent bei einer Laufzeit von 18 Monaten auf den Tisch und begründeten es damit, dass es sich dabei um das höchste Angebot für die erste Verhandlung bei Tarifverhandlungen innerhalb der energiewirtschaftlichen Unternehmen handelt. Das sagt ja quasi schon aus: Meine Damen und Herren, das ist ja nur der erste Schritt und es kommt ja noch ꞌwas.

Wie hat Deine Tarifkommission reagiert?

Bei vielen Kolleginnen und Kollegen stand erstmal Entsetzen in den Augen. Und nach dem ersten Entsetzen fing das Schmunzeln an, weil man gemerkt hat, dass es nur Spielerei ist, was die machen. Sowas aber verdienen unsere Mitglieder in den Betrieben draußen einfach nicht. Die verdienen ein ernsthaftes Umgehen miteinander, und nicht eine solche Spielerei. Ich kann von uns sagen, dass wir jedes Mal, wenn wir an den Verhandlungstisch gehen, nicht nur verhandlungsbereit, sondern auch abschlussfähig sind.

Ein Punkt Eurer Forderungen ist die überproportionale Erhöhung der Ausbildungsvergütungen. Wie haben die Arbeitgeber darauf reagiert?

Das war der einzige Punkt, wo sie sehr offen reagiert und gesagt haben: Da können wir drüber reden. Die IG BCE ist ja schon lange an dieser Forderung dran. In nahezu allen energiewirtschaftlichen Tarifverträgen in den letzten Wochen und Monaten haben wir die Ausbildungsvergütung überproportional und teilweise sehr deutlich angehoben. Die Unternehmen sehen zunehmend die Probleme, Nachwuchs zu rekrutieren und Auszubildende einzustellen. Ein Element für die Attraktivität einer Branche ist sicher für junge Menschen auch die Frage, wie hoch die Ausbildungsvergütung ist.

Ihr habt außerdem eine zentrale qualitative Tarifforderung aufgestellt: die Wahlmöglichkeit zwischen Geld oder zusätzlicher Freizeit. Wie seid Ihr dabei vorangekommen?

Dazu gab es in der ersten Runde eine eindeutige Absage der Arbeitgeberseite. Sie wollten dieses Thema nicht nebenbei in einer Vergütungstarifrunde diskutieren.

Wie siehst Du das als Verhandlungsführer der IG BCE?

Ich halte die Forderung für einen wichtigen Punkt, der auch was mit der Attraktivität der Unternehmen zu tun hat. Viele Beschäftigte sehnen sich nach der Möglichkeit, Privatleben und Erwerbsbiografie besser in Einklang zu bringen. Ob Familie, Kinder, Haus, Pflege – all diese Dinge wollen wir zeitlich ein Stück weit flexibler gestalten als nach dem reinen Schema 0-8-15, mit Urlaub, Teilzeit oder alten Rezepten. Ich bin davon überzeugt, dass es heute modernere Ansätze von Tarifpolitik gibt. Insofern müssen wir da in der zweiten Verhandlung sicher nochmal entschlossen bohren. Möglicherweise werden wir am Ende der Tarifverhandlungen feststellen, dass dieses Thema als tarifpolitisches Thema gesetzt ist, auch wenn wir es noch nicht im Detail ausgearbeitet haben.

Obwohl das Unternehmen 50Hertz nicht direkt Mitglied der TG Energie ist, habt Ihr Kolleginnen und Kollegen von 50Hertz mit in die Tarifkommission der IG BCE aufgenommen. Warum?

50Hertz gehört zentral in diese Tarifrunde mit rein, unabhängig von formalrechtlichen Dingen. 50Hertz übernimmt die Vergütungsabschlüsse der TG Energie. Vor diesem Hintergrund sagen wir, dass die Kolleginnen und Kollegen dann selbstverständlich dementsprechend eingebunden und beteiligt werden müssen.

Am 21. Juni steht die nächste Verhandlung an. Welche Hebel setzt Ihr ein?

Wir haben in der ersten Verhandlung den Arbeitgebern deutlich das Signal gegeben, dass wir in der nächsten Verhandlung einen Tarifabschluss machen wollen und erwarten, dass sie dementsprechend darüber nachdenken und sich bewegen. Ich muss dazu sagen, dass aufgrund des Protestes der Tarifkommission die Arbeitgeber noch in der ersten Verhandlung ihr erstes Angebot auf 3 Prozent aufgestockt haben. Aber auch das ist nicht abschlussfähig und nicht mal diskussionswürdig. Sondern da muss noch ꞌne kräftige Schippe drauf! Damit das passiert, sind Aktionen wie die bei 50Hertz in Berlin ganz wichtig. Damit machen wir deutlich, dass es nicht einer, nicht zwei, nicht drei Kolleginnen und Kollegen sind, die für unsere Forderungen eintreten, sondern dass es ganz viele sind, die dahinter stehen und uns unterstützen.

Wie also lautet Deine Botschaft an die Arbeitgeber für die zweite Verhandlung?

Ich sage nur: Kopf einschalten, Füller zücken – und dann können wir schnell zu einem Ergebnis kommen. Nicht um jeden Preis, das ist klar. Von unserer Seite aus werden wir hart um einen guten Abschluss für unsere Kolleginnen und Kollegen ringen.

Das Interview führte Susanne Schneider-Kettelför

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