Tarifabschluss Papier 2019

Aktionen in den Betrieben brachten den Durchbruch

Es brauchte viel Geschick auf Gewerkschaftsseite und einen Verhandlungsmarathon, bis in der zweiten Verhandlungsrunde Papier ein Angebotspaket auf dem Tisch lag, welches die Bundestarifkommission intensiv diskutierte. Mitten in der Nacht dann der Abschluss, mit dem die IG BCE in allen Bereichen ihrer Forderung Punkte setzen konnte. Wie Aktionen in den Betrieben den Durchbruch brachten und wie sehr die Papierbranche im Wandel steht, darüber informiert Marco Sandow, Betriebsratsvorsitzender bei der Leipa in Schwedt, Werk Nord, und Mitglied der Bundestarifkommission.

IG BCE

Marco Sandow Marco Sandow

Lieber Marco, herzlichen Glückwunsch zum Abschluss in der Tarifrunde Papier 2019. Wie habt Ihr erreicht, dass er möglich wurde?

Ganz klar: Deutschlandweit ist in den Betrieben im Vorfeld viel gelaufen. In Schwedt haben wir bei der Leipa eine „5 vor 12-Aktion“ gefahren, bei der wir die Leute vors Tor geholt und über den Stand der Tarifverhandlungen informiert haben. Die Bewegung im Unternehmen hat Eindruck bei der Geschäftsführung gemacht. Die Tarifrunde war präsent im Betrieb, auch weil die IG BCE erstmals die Beschäftigten über soziale Medien und Messenger informiert hat. Das ist sehr gut angekommen bei den Kolleginnen und Kollegen. Sie waren immer auf dem neuesten Stand und haben zeitnah erfahren, was passiert.

Ihr habt 3% mehr Einkommen erreicht und seid in allen Punkten Eures Forderungspaketes weitergekommen. Wie haben die Beschäftigten den Abschluss aufgenommen?

Der Abschluss ist in den Betrieben gut angekommen, wobei die 3% mehr Einkommen ab März 2019 das eine sind. Was richtig für Begeisterung gesorgt hat, ist die Verdopplung des Urlaubsgeldes auf 1.200 Euro beziehungsweise auf 1.280 Euro bei Schichtarbeit. Dass wir das in einem Schritt erreichen konnten, damit hatten nicht viele gerechnet. Die Urlaubsgeld-Verdopplung hat zudem einen sozialen Bestandteil, denn der Betrag wirkt sich besonders stark bei den unteren Einkommensgruppen aus. Und mit dem künftigen Azubi-Urlaubsgeld von 900 Euro nehmen wir innerhalb der Branchen der IG BCE einen Spitzenplatz ein.

Auch bei der Ausbildungsvergütung gibt es eine überproportionale Erhöhung. Im Vorfeld der Tarifrunde habt Ihr klar gemacht, dass die Papierbranche einiges tun muss, um für Azubis weiter attraktiv zu sein. Warum eigentlich?

Unsere Betriebe arbeiten in Schichtarbeit. Das ist eine Belastung und für viele junge Leute nicht mehr das, was sie wollen. Wir müssen also Anreize setzen, damit wir für junge und motivierte Menschen attraktiv sind. Das Geld spielt dabei nach wie vor eine entscheidende Rolle. Wichtig sind auch zukunftssichere Arbeitsplätze und Perspektiven für eine Entwicklung innerhalb des Unternehmens. Auch vor diesem Hintergrund war es uns so wichtig, dass wir endlich an den Entgeltrahmentarifvertrag ran gehen.

In der Tat, es ist ein weiterer Erfolg des Tarifabschlusses, dass Ihr einen Fahrplan für einen neuen Entgeltrahmentarifvertrag vereinbart habt. Ab Oktober soll verhandelt werden und Ihr wollt damit einen Tarifwandel einleiten. Was heißt das?

Das wird ein richtig dickes Brett, was wir zu bohren haben. In der Papierbranche arbeiten wir immer noch mit Lohn- und Gehaltsrahmentarifverträgen, die zwischen qualifizierter gewerblicher Tätigkeit (Löhne) und Angestelltentätigkeit (Gehälter) unterscheiden. Das ist ein Relikt aus den 60er Jahren. Viele Stellenbeschreibungen treffen überhaupt nicht mehr zu. Da wird beispielsweise noch von Schreibmaschine gesprochen und manche Positionen gibt es gar nicht mehr. Wir wollen die veralteten Entgeltstrukturen abschaffen und einen zeitgerechten Eingruppierungskatalog schaffen, der auch Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt. Das ist der Tarifwandel, von dem wir sprechen.

Wie stark spielt die Digitalisierung dabei eine Rolle?

Unsere Branche hat sich in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren so stark geändert, dass manche Arbeitsplätze gar nicht mehr wiederzuerkennen sind. Der Automatisierungsgrad ist sehr hoch. Standen früher Papiermacher an der Maschine in der Hitze, sitzen heute Papiertechnologen in klimatisierten Warten und fahren die Produktion. Unsere Branche erlebt einen massiven Strukturwandel. Bei uns im Werk Nord der Leipa in Schwedt haben wir gerade den Riesenumbau einer Papiermaschine für mehrere Hundert Millionen Euro hinter uns. Mit ihrer Hochtechnologie ist die Papierbranche eine echte Zukunftsbranche.

Das Interview führte Susanne Schneider-Kettelför.

Eine Kurzfassung des Interviews ist in der Zeitung der IG BCE „Im Bezirk unterwegs“ vom Mai 2019 veröffentlicht

Nach oben