Tarifabschluss E.ON Energie Dialog GmbH

Mitglieder setzen Bonus durch

So etwas kommt nicht so häufig vor: Nachdem die Tarifkommission in äußerst zähen Verhandlungen einen Kompromiss mit der Geschäftsführung ausgemacht hatte, sagten die Gewerkschaftsmitglieder bei der anschließenden Befragung an zwei Stellen entschieden „Nein!“. Daraufhin setzten die beiden verhandelnden Gewerkschaften IG BCE und ver.di die Fortführung der Gespräche durch. Caterina Jett, Betriebsrätin und Mitglied der Tarifkommission, erzählt im Interview, wie es letztlich zu einem richtig guten Tarifabschluss kam.

Liebe Caterina, die Mitglieder im Unternehmen hatten ein gehöriges Wort mitzureden beim Tarifabschluss für die E.ON Energie Dialog GmbH. Welches waren die beiden Punkte, an denen sie Einspruch erhoben haben?

Wir hatten in zähen und langatmigen Verhandlungen einen Kompromiss gefunden, der bereits einen Mitgliederbonus vorsah. Mit der Höhe dieses Bonus und auch mit der Art, wie er ausgezahlt werden sollte, nämlich als Gutschein, waren unsere Mitglieder aber gar nicht einverstanden. Außerdem forderten sie eine weitere Erhöhung des Entgelts für die Entgeltgruppe, in der sich die meisten der Beschäftigten befinden. Ihre Ablehnung des ersten Kompromisses war ein starkes Zeichen in Richtung Geschäftsführung. Als wir wieder gemeinsam am Tisch saßen, haben wir dann recht zügig die geforderten Verbesserungen erreicht.

Welches sind die wichtigsten Ergebnisse Eures Tarifabschlusses?

Wir haben eine Entgelterhöhung von insgesamt 6% in drei Stufen bei einer Laufzeit von 27 Monaten erreicht. Die Entgeltgruppe 2, um die es bei der Ablehnung des zunächst gefundenen Kompromisses ging, bekommt dauerhaft nochmal 1% drauf. Bei Einstellungen in die unterste Entgeltgruppe haben wir den Mindestlohn auf 10 Euro angehoben. Und da unsere Geschäftsführung stark mit befristeten Arbeitsverträgen arbeitet und immer wieder die möglichen vier Jahre voll ausreizt, haben wir im Tarifabschluss die vorzeitige Entfristung von 100 Kolleginnen und Kollegen zum 31. Mai durchgesetzt. Der Mitgliederbonus beträgt nun stattliche 140 Euro und wird als Nettoprämie ausgezahlt.

Ihr habt vor Aufnahme der Tarifverhandlungen ganz stark die Werbetrommel für eine Gewerkschaftsmitgliedschaft gerührt und wart dabei sehr erfolgreich. Wie habt Ihr das geschafft?

Wir hatten mehrere Termine vereinbart, an denen die Gewerkschaft und auch wir als Tarifkommissionsmitglieder vor Ort waren. Die IG BCE hatte unterschiedliche Magneten dabei, zum Beispiel eine Popcorn-Maschine. Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen dann gezielt angesprochen, auch wenn sie vorbei gehen wollten. Viele sind stehen geblieben, haben die Unterlagen mitgenommen und die Mitgliedsanträge dann ausgefüllt wieder abgegeben. Ich muss dazu sagen, dass sowohl IG BCE als auch ver.di klar gemacht hatten, dass sie erst den alten Tarifvertrag kündigen und in neue Verhandlungen gehen, wenn die Mitgliederanzahl im Unternehmen stimmt.

Gibt es ein Rezept für die Gespräche zur Mitgliederwerbung, das Du uns weitergeben kannst?

Das ist schwierig. Es gibt ja immer wieder unterschiedliche Argumente. Manche wissen sogar, dass eine Mitgliedschaft wichtig ist, ruhen sich aber trotzdem darauf aus, dass sich die anderen einsetzen. Einigen scheint eine Mitgliedschaft zu teuer. Die müssen wir dann davon überzeugen, was die IG BCE alles bietet und dass im Beitrag zum Beispiel auch der Arbeitsrechtsschutz enthalten ist. Es geht um unterschiedliche Themen. Man muss auf die Kollegin und den Kollegen direkt eingehen.

Die Tarifverhandlungen wurden gemeinsam von IG BCE und ver.di geführt. Gab es deshalb Spannungen?

Nein, das hat gut funktioniert. Die beiden Verhandlungsführer, Boris Loew für die IG BCE und Mario Klepp für ver.di, haben gut zusammen gearbeitet und uns als Tarifkommission immer gut informiert.

Die E.ON Energie Dialog GmbH ist ein Call- und Service-Unternehmen mit fünf Standorten und einem Gemeinschaftsbetriebsrat. Du selbst arbeitest in Brandenburg an der Havel. Ist das nicht schwierig, die Betriebsratsarbeit über die verschiedenen Standorte hinweg zu organisieren?

Nein, das geht. Wir haben an jedem Standort Betriebsrätinnen und Betriebsräte. Insgesamt sind wir ein 15er-Gremium. Einmal im Monat machen wir eine Betriebsratssitzung über zwei Tage. Weil die E.ON Energie Dialog wächst und Kolleginnen und Kollegen einstellt, haben wir als Betriebsräte auch immer mehr zu tun. Deshalb gibt es einen weiteren Tag im Monat als Option, an dem wir uns treffen und über Personalmaßnahmen beraten und entscheiden. Mittlerweile haben wir rund 1.200 Beschäftigte an den Standorten Eberswalde, Torgelow, Demmin, Brandenburg an der Havel und Potsdam. Alle Kolleginnen und Kollegen machen eine anspruchsvolle Arbeit, die umfangreich ist und viel Wissen erfordert. Dem Namen nach gehören wir zum E.ON-Konzern. Als Call- und Service-Center sind wir aber in einem anderen Gehaltsgefüge. Daran stoßen sich unsere Kolleginnen und Kollegen immer wieder. Ich denke, dass das mit dazu beigetragen hat, dass sie den ersten Verhandlungskompromiss nicht haben gelten lassen und wir das Plus bei Mitgliederbonus und Entgeltgruppe 2 erreichen konnten.

Das Interview führte Susanne Schneider-Kettelför.

Eine Kurzfassung des Interviews ist in der Zeitung der IG BCE „Im Bezirk unterwegs“ vom Mai 2019 veröffentlicht

 

 

 

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