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01.04.2019

Von: Julia Pennigsdorf

Gesundheit im Betrieb

Mehr als Obst und Yoga

Auf dem Konferenztisch stehen Möhren und Äpfel, in der Mittagspause wird die Lendenwirbelsäule mobilisiert und nach Feierabend gehen die Kollegen gemeinsam joggen. So sieht das Hochglanzbild vom gesunden Arbeitsplatz aus, das vielerorts gezeichnet wird. Wie aber geht es in den Betrieben wirklich zu? Wie muss vorbildliches Gesundheitsmanagement, das Mitarbeiter nachhaltig stärkt, organisiert sein? Ein Blick in die Unternehmen zeigt: Es tut sich was, aber es gibt auch noch Luft nach oben.

Gesundheit. Es gibt kaum ein Thema, das Menschen so bewegt und im öffentlichen Diskurs so präsent ist. Stress, Arbeitsverdichtung und Burn-out, Bewegungsmangel, Rückenschmerzen und Übergewicht sind Probleme unserer Zeit. Ihnen gegenüber stehen etliche Maßnahmen, die Abhilfe versprechen: Wellness, Achtsamkeit, Auszeit, Stärkung der Resilienz, gesunde Ernährung. Längst hat das Gesundheitsbewusstsein auch den Arbeitsplatz erreicht. Yoga-Gutscheine, ermäßigte Beiträge für Fitnesscenter, Lauftreffs, Kochkurse, Ernährungsampeln in Kantinen, Gesundheitstage – immer größer ist die Palette mit Angeboten für Arbeitnehmer. Doch wie zielführend sind diese? Der Braunschweiger Arbeits- und Personalberater Günter Schnelle ist skeptisch.

"Oft handelt es sich um vereinzeltes, punktuelles Engagement, das schnell verpufft und mehr unter Marketinggesichtspunkten ernst zu nehmen ist, als dass es sich um echte Gesundheitsförderung für Mitarbeiter handelt." Im schlimmsten Fall, so Schnelle, könne ein vordergründiges, alibimäßiges Gesundheitsengagement sogar Probleme verdecken und den konstruktiven Dialog im Betrieb blockieren. "Ein gutes Gesundheitsmanagement muss einen integrierten, ganzheitlichen Ansatz haben. Es muss strukturell verankert sein und das gesamte Unternehmen durchdringen."

Der Arbeitswissenschaftler unterscheidet dabei zwischen der normativen, strategischen und operativen Ebene. Auf der normativen Ebene werden Leitbild und Ziele des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) beschrieben.

Auf der strategischen Ebene geht es darum, dass Führungskräfte definieren, wie diese Ziele erreicht werden können, und auf der operativen Ebene werden dann konkrete Maßnahmen für gesunde Arbeitsbedingungen aufgesetzt.

© IG BCE

Quelle: statista; Deutschland; Februar 2018; 1.650 Befragte

Der häufigste Fehler, den Unternehmen machen, die das BGM implementieren wollen, ist laut Schnelle, dass die Mitarbeiter zu wenig eingebunden werden. "Sie sind die Experten ihrer Arbeitsplätze und -prozesse. Sie kennen ihre Bedürfnisse und wissen, wo es hakt und was sie entlasten würde", sagt Schnelle, "viel zu oft, werden Gesundheitsangebote über Mitarbeiterköpfe hinweg gemacht. Wir hatten mal einen Fall, wo eine kostenlose Sport- und Wellnessmöglichkeit in einem Hotel angeboten wurde – rund 40 Kilometer vom Standort entfernt. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn niemand das Angebot wahrnimmt."

Integriert, ganzheitlich, an den Mitarbeitern orientiert: Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, bestätigt Schnelles Kriterien für ein gutes BGM. "Gesundheitsmanagement muss selbstverständlicher Bestandteil des Arbeitsalltages sein. Das gelingt nur, wenn alle dahinterstehen, vorneweg die Chefetage. Die Stabsstelle Gesundheit sollte an den Vorstand angegliedert sein, um die Bedeutung und Ernsthaftigkeit deutlich zu machen", fordert Grioli und ergänzt: "Wir haben in puncto Gesundheit kein Erkenntnisproblem. Wir wissen alle, wie wichtig das Thema ist. Wir haben ein Umsetzungsproblem."

Wie gut das BGM funktionieren kann, wenn die Belegschaft beteiligt wird und Mitarbeiter selbst Impulse setzen, zeigt der Pharmakonzern Abbott Laboratories. Seit mehr als zehn Jahren gibt es am Standort Hannover ein Gesundheitszentrum, das nicht nur Abbott-Mitarbeiter, sondern auch benachbarte Kollegen Pilates, Yoga, Krafttraining, Rückenschule, Inlineskating und Laufkurse – die Angebotspalette ist breit. Die Anregungen zu den Sportarten kommen aus der Belegschaft. Angefangen hat es mit einer angemieteten Turnhalle, zu der die Mitarbeiter nach Feierabend fuhren, um Tennis, Fußball, Badminton zu spielen. Doch das Hinfahren war vielen zu aufwendig. Als ein geeigneter Raum am Standort frei wurde, ergriffen die Abbott-Mitarbeiter die Initiative – der Grundstein für das heutige Gesundheitszentrum war gelegt.

Das Zentrum indes ist nur ein Mosaikstein im BGM von Abbott. "Vier- bis fünfmal im Jahr trifft sich bei uns der Arbeitskreis Gesundheitsmanagement", sagt die Betriebsratsvorsitzende von Abbott, Manuela Martin. Die Leiterin des Gesundheitszentrums nimmt daran ebenso teil wie die Werkärztin, Vertreter des Arbeitsschutzes, der Arbeitskreise Suchtprävention und demografischer Wandel, der Schwerbehindertenvertreung, des Eingliederungsmanagements sowie der Betriebsrat und die Geschäftsführung. "Wir besprechen dann alle zusammen, wo der Schuh drückt, was wir ändern und auf die Beine stellen wollen, wie wir unser Budget sinnvoll ausgeben. Wir stehen nicht in Konkurrenz zueinander und doch hat jede Gruppe ihre Themen. Jeder kämpft für seine Idee und muss die anderen überzeugen", sagt die gelernte Chemielaborantin und studierte Arbeitswissenschaftlerin Martin.

Einmal im Jahr gibt es bei Abbott einen zweitägigen Gesundheitstag. 2018 ging es um das Thema "Herz". Unter anderem hielt ein Arzt einen Vortrag rund um die Frage: Wie halte ich mein Herz mit Bewegung und Ernährung gesund? Die Auszubildenden, angehende Chemielaboranten und Industriekaufleute, sind bei Abbott traditionell eng in die Organisation der Gesundheitstage eingebunden. "Das ist eine enorme Unterstützung. Und gleichzeitig bietet es den Azubis eine tolle Möglichkeit, zu lernen und zu reifen."

Doch auch wenn das BGM bei Abbott strukturell fest verankert ist und Engagement sowie Bereitschaft der Mitarbeiter, Gesundheitsangebote anzunehmen und mit Leben zu füllen, groß ist, so findet die Betriebsratsvorsitzende doch auch kritische Worte. "Die Arbeitsverdichtung, Zeit- und Termindruck nehmen immer weiter zu – und mit ihnen Frustration, Überforderung und psychische Belastungen", unterstreicht Martin und ergänzt: "Im Grunde sind diese Konzernstrukturen in sich krankmachend. Wirklich helfen würde nur mehr Personal. Aber an diesem Punkt ist dann Aus bei den Vorgesetzen. Und an die wirklichen Arbeitsverhältnisse kommt man auch mit dem BGM nicht ran." Für Martin ist deshalb klar: "Im Grunde muss jeder auf sich selbst, auf seine körperliche und psychische Gesundheit aufpassen."

© IG BCE

Quelle: statista; Zahlen für das Jahr 2018

Arbeitsbelastung und die dahinter lauernde Angst, der stetig steigenden Arbeitsverdichtung irgendwann nicht mehr gerecht werden zu können oder Arbeit und Leben nicht mehr unter einen Hut zu bekommen: Diese Sorge treibt viele Beschäftigte um. Die IG BCE hat das Thema deshalb in diesem Jahr weit oben auf die gewerkschaftliche Agenda geschrieben. Denn für sie ist klar: Mehr Zeitsouveränität und Modelle, die ein den unterschiedlichen Lebensphasen angepasstes Arbeiten ermöglichen, müssen her, um beim Thema Belastung nachhaltig Abhilfe zu schaffen. Um diese Herausforderungen ergebnisorientiert anzupacken, hat die IG BCE in der zurückliegenden Chemie-Tarifrunde mit den Arbeitgebern die "Roadmap Arbeit 4.0" vereinbart – mit dem Ziel, im Herbst konkrete Maßnahmen zu vereinbaren. Dazu gehören auch Instrumente, die Arbeitnehmern variablere Arbeitszeiten ermöglichen. Um zu erfahren, wo und in welchem Umfang Beschäftigte unter Arbeitsverdichtung, Stress und gesundheitlichen Problemen leiden und wo sie sich Entlastung wünschen, hat die Stiftung Arbeit und Umwelt der IG BCE mit dem "Monitor Digitalisierung" im Februar und März eine große Erhebung unter den Beschäftigten der IG-BCE-Branchen durchgeführt, die Aufschluss darüber geben soll, inwieweit der digitale Wandel Arbeitswirklichkeit verändert und Gesundheit beeinflusst. Die Ergebnisse sollen bis Anfang Juni vorliegen.

Auch der Messenger zur Chemie-Tarifrunde hält Interessierte nicht nur über alle Entwicklungen der aktuellen Tarifrunde auf dem Laufenden, sondern sucht in diesem Jahr gezielt den Dialog mit den Mitgliedern: Noch bis in den April hinein sind persönliche Erfahrungen zum Thema Arbeitsentlastung und Zeitsouveränität gefragt. Zugang zum Messenger-Angebot erhalten Mitglieder unter www.igbce.de.

© IG BCE

Quelle: statista

Das Mehr zur Entlastung der Beschäftigten geschehen muss, sieht auch Peter Hohmann so. "Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist auch bei uns gestiegen", sagt der Betriebsratsvorsitzende der B. Braun in Melsungen. Um den Betroffenen zu helfen, gibt es bei dem hessischen Medizinunternehmen die Abteilung "Betriebliche Sozialarbeit". "Dort arbeiten ausgebildete Psychologen", sagt Hohmann, der bereits seit 39 Jahren bei B. Braun tätig ist und seit 25 Jahren dem Betriebsrat vorsitzt "das ist auch für uns eine Entlastung. Denn die Psychologen können betroffene Mitarbeiter viel kompetenter unterstützen als wir. Sie stellen den Kontakt zu passenden externen Beratungsstellen her oder sind gleich selbst in der Lage zu helfen."

Schlafen, Ernährung, soziale Kontakte: Das sind die drei Themen, die beim BGM der B. Braun im Fokus stehen. Der Konzern stellt medizinische Produkte für die Bereiche Anästhesie, Chirurgie Kardiologie und Intensivmedizin her. Von 7000 Beschäftigten an 13 Standorten in Melsungen arbeiten 4000 im Schichtdienst. Rund um die Uhr, drei Schichten an sieben Tagen. Erholsamer, tiefer Schlaf und gesunde Ernährung bleiben da ebenso oft auf der Strecke wie soziale Kontakte. "Wenn Oma ihren 80. Geburtstag feiert, wenn eine Einladung von Freunden oder eine Party im Sportverein ansteht, dann müssen unsere Kollegen oft absagen. Das ist nicht einfach und stellt auf Dauer auch eine psychische Belastung dar", so Hohmann. Während sich dieser Umstand nicht ändern lässt, können die Mitarbeiter für ihren Schlaf und ihre Ernährung einiges tun. B. Braun bietet ihnen sogenannte "Präventionsschichten". Während ihrer Arbeitszeit lernen die Mitarbeiter, worauf sie beim Schlafen achten müssen und welche Gerichte, in welchen Menge, zu welcher Tages- und Nachtzeit ihnen und ihrem Körper guttun und welche sie meiden sollten.

Quelle: statsista

Auf einer Skala von eins bis zehn gibt Hohmann der Qualität des BGM in seinem Unternehmen eine sechs bis sieben. "Es läuft ganz gut, aber es gibt schon auch noch Luft nach oben", sagt er. Da wäre zu Beispiel die Forderung des Betriebsrates, Mitarbeiter als Gesundheitskoordinatoren auszubilden.

"Jeder Standort soll einen Gesundheitskoordinator bekommen", so Hohmanns Wunsch. "Damit sich für gesundheitliche Belange immer ein direkter Ansprechpartner findet und die Bedeutung des Themas im Bewusstsein aller verankert wird." Diese Idee würde wohl auch Günter Schnelle gefallen. Denn die Gesundheitskoordinatoren könnten eine Aufgabe übernehmen, die der Arbeitsexperte für wichtig hält: einen Fragebogen für die Belegschaft entwickeln, um ganz konkret vor Ort die Arbeitsbelastung mit den Mitarbeitern zu analysieren. Für rund 500 Mitarbeiter, so Schelle, benötige es eine halbe Freistellung, wenn sich ein Mitarbeiter ernsthaft mit dem Thema Gesundheit befassen solle.

"Egal, ob es um altersgerechte Arbeitsplätze geht, um chronische Erkrankungen oder Stress und Psyche, am Anfang muss immer das ausführliche Gespräch mit den Kollegen stehen", sagt Schnelle. In einem nächsten Schritt könne dann eine Projektgruppe – Schnelle nennt es Gesundheitszirkel – gebildet werden, in der die Beschäftigten ebenso vertreten sind wie ihre Führungskräfte, eine Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Betriebsrat sowie ein externer Arbeits- und Personalberater.

"Gemeinsam kann man sich dann anschauen, wo es Probleme gibt, Ursachen und Wirkungen abklären, Ideen für Verbesserungen sammeln und natürlich die Kosten betrachten, die die jeweiligen Maßnahmen nach sich ziehen würden", sagt Schnelle und betont: "Werden Veränderungsprozesse eingeleitet, dann ist es wichtig, dass diese nicht im Alltag untergehen, sondern dass der Gesundheitszirkel sich im Anschluss genau ansieht und kontrolliert, ob die Maßnahmen greifen."