Gleichstellungskonferenz

In die Offensive gehen

Frauen machen auf der IG-BCE-Gleichstellungskonferenz deutlich: Wir gestalten die Arbeit von morgen. Wir gestalten die Zukunft. Der Blick auf die Erfolge und Errungenschaften, aber auch auf die Hürden der letzten 90 Jahre Frauenarbeit und die Aussicht auf künftige Chancen und Herausforderungen: diese beiden Pole bestimmten die Gleichstellungskonferenz der IG-BCE-Frauen. Unter dem Motto „Frauen gestalten die Zukunft“ fand sie jetzt in Hannover statt und machte deutlich, wie ernst es den Frauen mit dieser Ansage ist.

Franz Bischof

80 Teilnehmerinnen diskutieren über künftige Chancen und Herausforderungen für Frauen. 80 Teilnehmerinnen diskutieren über künftige Chancen und Herausforderungen für Frauen.
04.07.2017
  • Von: Julia Osterwald
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Egal, ob es um das Recht auf Bildung geht, um ökonomische und politische Teilhabe, um Gleichstellung generell: Frauen wollen und müssen mitreden, mitbestimmen, mitgestalten – in einem und mittels eines Netzwerks, „das bewegt“: Das machte die stellvertretende IG-BCE-Vorsitzende Edeltraud Glänzer in ihrer Begrüßung der gut 80 Teilnehmerinnen deutlich. Bewegung forderte sie vor allem bei der Mitbestimmung. „Eine Arbeitswelt 4.0 kann man nicht mit einer Betriebsverfassung 2.0. gestalten“, brachte es Glänzer auf den Punkt.

Mit dem Sozialpartner in der chemischen Industrie arbeite man im paritätisch besetzten Arbeitskreis Chancengleichheit an der Umsetzung der Sozialpartnervereinbarung „Arbeit und Leben in Balance“, die im September 2016 unterzeichnet wurde. Notwendig sind die Unterstützung des BAVC und eine uneingeschränktes Bekenntnis zur Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung in der jetzigen Form.

Klar sein müsse dabei aber: „Wir machen nicht das Thema Arbeitszeitgesetz auf und riskieren damit, dass der Schutz der Beschäftigten abnimmt.“ Die Forderung nach Flexibilisierung im Arbeitszeitgesetz bedeutet nichts anderes als den Schutzrahmen zu Lasten der Beschäftigten abzubauen. Über Tarifverträge und betriebliche Regelungen sind die Möglichkeiten flexibler Arbeit bereits enorm und ausreichend. Stattdessen brauche es Arbeitssouveränität und damit eine erhöhte Autonomie der Beschäftigten. Arbeitszeitsouveränität setzt zudem eine neue Unternehmenskultur voraus – weg von der Präsenzkultur. Ansonsten sind die Risiken zur Verfestigung der klassischen Rollenbilder erheblich. Ein gutes Instrument dafür sei der Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“. Auch der Ausbau der Kinderbetreuung sei eine wichtige Voraussetzung. „Frauen wollen mehr arbeiten, das sehen wir immer wieder“, sagte Glänzer.  Dafür bedürfe es jedoch starker Partnerinnen und Partner und bedürfe es der Politik als einer verlässlichen, starken Partnerin.

Den Frauenanteil erhöhen, Gleichstellung durchsetzen

DassFrauen die Möglichkeit erhalten müssen, ihr Potenzial zu entfalten, auch jenseits der 50, machte Glänzer auch im Hinblick auf entsprechende Initiativen der IG BCE mit dem Projekt KarisMa deutlich. Im ersten Schritt wurden Frauen im Alter 50+ über ihre Situation im Betrieb befragt. Maßnahmen zur beruflichen Entwicklung würden im zweiten Schritt im Betrieb entfaltet. Schließlich seien die Frauen noch eine Weile im Beruf und Potenziale sonst vergeudet.

Es sei höchste Zeit für mehr Frauen in den Branchen der IG BCE: unter den weiblichen Beschäftigten, unter den Mitgliedern und in den Aufsichtsräten und gewerkschaftlichen Gremien. Glänzer kündigte für den 6. Ordentlichen Gewerkschaftskongress der IG BCE im Oktober an, dass die Frauen, die dort mit einem Anteil  von 40 Prozent der Delegierten vertreten sein werden, möglichst viele ihrer Interessen und Anträge durchzusetzen gedenken und ermutigte sie dazu, sich „sichtbar zu machen“. In Bezug auf die Betriebsratswahlen im kommenden Jahr – „Betriebsräte haben eine riesige Bedeutung“ – warb sie dafür, Frauen für eine Kandidatur zu gewinnen und verwies auf verwies auf die Offensive Frauen und deren Instrumente im Vorfeld der Wahlen. „Lasst uns in die Offensive gehen!“, forderte sie die Teilnehmerinnen auf, um die IG BCE zu einer „Gewerkschaft zum Erleben, Anfassen und Mitgestalten“ zu machen.

Glänzer lobte den Ausbau in der Kinderbetreuung, die Verbesserung der Situation Alleinerziehender. Zum Entgelttransparenzgesetz, das aufgrund der Vertretung der Interessen der Frauen durch die IG BCE und des DGBs gegenüber der Politik möglich wurde, machte sie Nachbesserungsbedarf deutlich: „Wir werden die neue Regierung weiter bedrängen und konfrontieren, damit die Gleichstellung vorangetrieben wird." Das gelte auch für das Rückkehrrecht in Vollzeit.

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    Franz Bischof

    „Ich setze keine großen Hoffnungen in die neue Regierung. Im besten Fall erwarte ich, dass die Gleichstellung im heute skizzierten Rahmen umgesetzt wird. Manchmal habe ich den Eindruck, viel weiter sind wir in der Gesellschaft in den letzten 30, 40 Jahren nicht gekommen. Trotzdem: Uns darf der Atem nicht ausgehen. Ich würde mir wünschen, dass Männer und Frauen die gleichen Möglichkeiten erhalten, in Teilzeit zu gehen, und anschließend wieder in Vollzeit zu wechseln.“

    Veronika Keller-Lauscher, ehemaliges Mitglied im geschäftsführenden Hauptvorstand der IG Papier, Chemie, Keramik

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Arbeit 4.0., das bestimmende Thema der Zukunft, gelte es nach wie vor mittels der Charta der Gleichstellung und deren sechs Handlungsfeldern im Hinblick auf mehr Chancengerechtigkeit zu gestalten. Bis 2016 haben bereits 40 Unternehmen die Charta unterschrieben, bis 2020 sollen es weitere 40, kleine und mittelständische Unternehmen, sein. Glänzer kündigte an, „Wir mischen uns ein, im Betrieb und der Politik“ und bilanzierte: „Wir haben viel erreicht. Wir haben viel vor.“    

Plädoyers für mehr Gerechtigkeit, Aus-, Fort- und Weiterbildung

Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hob den Verdienst der Gewerkschaften für den ökonomischen Erfolg des Landes und die gute Situation in den Unternehmen hervor. Er skizzierte das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern hinsichtlich des Verdienstes und bei der Rente, auch als Ergebnis von Karrierelücken und dem Gender Care Gap (Frauen leisten 50 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit), und betonte, wie wichtig es sei, die partnerschaftliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie, etwa über die „Familienarbeitszeit“, zu fördern. „Wir werden als Ministerium diese Idee weiter vorantreiben“, kündigte er an. Auch in Bezug auf die Realisierung des Rückkehrrechts in Vollzeit, den Ausbau der Kinderbetreuung, eine beitragsfreie Kinderbetreuung, ein geschlechtergerechtes Steuersystem, die Flexibilisierung der Arbeitszeitgestaltung (als „gute Chance für Frauen“), in Bezug auf mehr Lohngerechtigkeit und mehr Verbindlichkeit bei der Frauenquote signalisierte er den Gestaltungswillen seines Ministeriums. Symbolisch für den gemeinsamen Gestaltungswillen unterschrieben er und Edeltraud Glänzer die Charta der Gleichstellung.

Die stellvertretende DGB-Bundesvorsitzende Elke Hannack warnte, ohne gesetzliche Rahmenbedingungen käme man in Sachen Gleichstellung nicht weiter und prognostizierte: Das Rückkehrrecht in Vollzeit werde das bestimmende Thema der neuen Legislaturperiode, und nicht weniger wichtig das Thema Mini-Jobs sein. Dafür sei es aber notwendig, dass alle Gewerkschaften zusammenhielten und gemeinsam vorangingen.

Prof. Julia Gillen von der Universität Hannover widmete ihren Vortrag dem Thema „Aus-, Fort- und  Weiterbildung“ in Bezug auf Arbeit 4.0. und der Rolle des Betriebsrats in dem Zusammenhang. Sie skizzierte unter anderem als mögliche Perspektiven für die Zukunft: dass die duale Beruflichkeit mehr Bedeutung erlangt und dass der Umgang mit Komplexität und Veränderung sowie unbekannten Inhalten eine der größten zu vermittelnden Fähigkeiten sein wird. Kurz: dass Bedeutung und Stellenwert von Aus-, Fort- und Weiterbildung zunehmen werden, mit der Konsequenz, dass auch Betriebsräte entsprechend geschult werden müssen. Dabei sei eine wichtige Voraussetzung, so die Wissenschaftlerin, dass das Recht auf Weiterbildung im Gesetz und im Betrieb verankert wird.            

In den anschließenden Gesprächsrunden und Präsentationen einzelner Betriebsrätinnen kam eine große Bandbreite weiterer aktueller Themen und Fragen zukünftigen Arbeitens und Gestaltens des Arbeitslebens zur Sprache: „Telearbeit und mobiles Arbeiten“, „Vereinbarkeit“, „Pflege“, „Rollenbilder“, „Die gläserne Decke“, „Entgeltgleichheit“, und viele mehr. Zeitzeuginnen aus verschiedenen Jahrzehnten Gewerkschaftsgeschichte berichteten von ihren Erfahrungen, von Kämpfen und Erfolgen.

Einen zusätzlich ermutigenden Schlusspunkt setzte am Ende der Veranstaltung der Frauensong der IG BCE, der am Frauentag im Mai 2016 das erste Mal präsentiert wurde.

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    Informieren im Foyer

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