Zum Abschied von Olaf Wernitz

Es war immer wieder Wandel

Am 30. April verabschiedet sich der stellvertretende Bezirksleiter Olaf Wernitz in den Ruhestand.

Ein Interview:

Hand aufs Herz: Gehst Du mit einem lachenden oder weinenden Auge?

Beides. Das lachende Auge, weil ich 36 Jahre lang für die Gewerkschaft im Einsatz war und es gut ist, irgendwann die Arbeit an jüngere Kolleginnen und Kollegen zu übergeben. Das weinende Auge, weil in der Industriepolitik spannende Zeiten anstehen, mit der Digitalisierung, der Energiezukunft, mit der Frage des Strukturwandels in der Lausitz und vielem anderen. Meine familiären Wurzeln liegen zum Teil in der Lausitz, die Familie meiner Mutter kommt aus dem dortigen Bergbau. Da möchte man doch gerne dabei sein bei dem, was in den nächsten Jahren ansteht und sich auch in Folge für alle Bürgerinnen und Bürger dieser Republik verändert.

Anke Jacob

Olaf Wernitz

Wenn Du zurück blickst: Welches waren einschneidende Erfahrungen?

Die prägendste Konstante war der Wandel. Ich komme aus der Gewerkschaft Bergbau-Energie Ost und habe also die Umbrüche mit und nach der Wende erlebt. Was wir alles an Personalabbau in dieser Zeit über den Tisch bekommen haben, ist aus heutiger Sicht betrachtet unfassbar. Das war eine so rasant schnelllebige Zeit. Ich war für den Aufbau der neuen Organisationsstrukturen nur unterwegs. Wir waren damals in der Geschäftsstelle in Potsdam zu dritt. Ich war der einzige mit einem Führerschein und somit immer an der Basis und im ꞌFeuerꞌ der Diskussionen und Auseinandersetzungen.

Was waren Deine Leitplanken in diesem Wandel, woran hast Du Dich gehalten?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich meist gar nicht so viel Zeit hatte, mich mit Details zu beschäftigten. Ich bin draußen gewesen, habe etwas gehört und musste gleich handeln. Zusätzlich kam die Anspannung, was mit dem eigenen Job wird. Denn nicht jeder von den ehemaligen DDR-Gewerkschaftssekretären ist von den ehrenamtlichen Mitgliedern bestätigt worden. Dass ich dann zur IG Bergbau und Energie West wechseln konnte, einer der Vorläuferorganisationen der IG BCE, war für mich auch eine Anerkennung. ꞌWer keine Vergangenheit hat, hat keine Zukunftꞌ, wurde mir damals gesagt. Ich finde, das gilt bis heute.

Wie bist Du eigentlich Gewerkschaftssekretär geworden?

Ich komme aus der heutigen E.DIS, das war früher die Energieversorgung Potsdam, in Folge dann ein Energiekombinat. Dort habe ich 1969 eine Lehre zum Elektromonteur gemacht, habe mich qualifiziert und war verantwortlich für ein Bau-Team. Bei einer Gewerkschaftsversammlung wurde der Bezirksvorsitzende auf mich aufmerksam. Als ich 1982 hauptamtlich zur Gewerkschaft wechselte, war das eine Umstellung wie Tag und Nacht. Zuvor war ich in meiner Arbeit tagtäglich an der frischen Luft gewesen, bei Wind und Wetter. Jetzt saß ich auf einmal in einem Büro, umgeben von Papier und neuen Themen … also ich musste mich da mächtig eingewöhnen.

Heute bist Du seit ziemlich genau zehn Jahren stellvertretender Bezirksleiter in Berlin-Mark Brandenburg. Kannst Du uns aus dieser Zeit besondere Momente schildern?

Dass ich überhaupt dazu berufen und gewählt wurde, war schon ein besonderer Moment, weil ich gemerkt habe: Guck an, man hat Vertrauen in mich. Denn so bin ich ja groß geworden, dass ich mich nicht selbst in Positionen drängele, aber wenn man mich fragt, die Verantwortung übernehme. In diesen zehn Jahren als stellvertretender Bezirksleiter gab es viele schöne, aber auch sehr traurige Momente, wenn ich langjährige Kollegen auf ihrem letzten Weg begleiten musste. Das nimmt einen mit. Zu den schönen Momenten, die überwiegen und lange haften bleiben, zählen natürlich die Erfolge. Dazu gehören Aktionen, bei denen es uns gelungen ist, neue Mitglieder zu werben. Teils waren da Konfliktsituationen im Betrieb im Hintergrund. Besondere Momente waren auch, wenn wir den Arbeitgebern in Tarifverhandlungen mehr abringen konnten, als sie geben wollten, weil wir Stärke zeigten und gesagt haben: Jetzt ist Schluss hier, denkt nach, sonst gibt es Krach.

Vor Deiner Zeit als stellvertretender Bezirksleiter hast Du mehrere Jahre auch die Rechtsvertretung von Mitgliedern übernommen. Wie prägend war das für Dich?

Ich war mit der Rechtsvertretung unserer Mitglieder vor den Arbeits- und Sozialgerichten befasst. Das war eine schöne und spannende Arbeit, aber auch sehr anstrengend. Ich hatte viel mit den einzelnen Kolleginnen und Kollegen zu tun. Am schwierigsten waren die medizinischen Fälle im Sozialrecht, da lernst Du Menschenschicksale kennen, die wehtun. Wenn Du sterbenskranke Menschen vor Dir hast, die ewig auf die Rente warten, weil irgendwo im Verfahren auf Zeit gespielt wird oder ein Gutachter meint, dass es alles schon wieder wird, dann musst Du eine gewisse Distanz finden, sonst gehst Du selbst dabei kaputt. Und ich hatte ja auch in dieser Zeit weiter meine Betriebe vollumfänglich zu betreuen. Das hat zusätzlich der Kraftanstrengung bedurft.

Du sagst, dass die Veränderung Deine Konstante war. Heute steht die Energiebranche vor Umbrüchen …

… wir sind mittendrin. Wenn ich an das moderne Energiemanagement von der Erzeugung bis zum Endverbraucher denke, dann sage ich schon: Ist vielleicht ganz gut, die Arbeit jetzt an Jüngere zu übergeben, denn für die ganze hochtechnisierte Digitalisierung fehlt mir doch an der einen oder anderen Stelle das technische Know-how – nach so vielen Jahren als Gewerkschaftssekretär. Ich hatte das Glück, immer gute Kolleginnen und Kollegen an meiner Seite zu haben, ehrenamtliche Betriebsräte, Ortsgruppen- und Vertrauenskörperfunktionäre. Ohne die würden wir Hauptamtlichen alles gar nicht so wuppen, wie es gewuppt werden muss. Da sage ich: Hut ab vor unseren Ehrenamtlichen.

Möchtest Du ihnen etwas mit auf den Weg geben?

Meldet Euch zu Wort, nehmt nicht alle Entscheidungen hin, prüft sie gründlich. Denn das ist so eine Erfahrung von mir, dass man Entscheidungen von übergeordneten Leitungsebenen viel zu wenig hinterfragt und die Diskussionen dazu viel mehr führen sollte. Bleibt dabei miteinander ehrlich und steht zu Eurer Verantwortung. Lasst nicht locker beim Auf- und Ausbau gewerkschaftlicher Strukturen. Sprecht mit denen, die noch nicht Mitglied sind. Und dann möchte ich Euch sagen, dass Ihr weitermachen sollt, dass Ihr gut seid, dass Ihr sehr gut seid. Ich habe sehr gerne mit Euch allen zusammen gearbeitet. Was für eine geile Zeit! Dafür ein riesiges Dankeschön!


Olaf Wernitz möchte sich künftig stärker seiner Familie widmen, außerdem einige Reisen unternehmen. Als Mitglied der IG BCE nimmt er sich vor, nicht sofort wieder aktiv zu sein, sondern erstmal einen gewissen Abstand zu bekommen. Mit Schmunzeln fügt Olaf Wernitz an: „Mal seh’n, wie lange ich durchhalte.“


Autorin: Susanne Schneider-Kettelför

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