60 Jahre Papier-Standort Schwedt

Vom Vorzeige-Kombinats-Betrieb zum europäischen Marktführer

Seit 1959 wird in Schwedt Papier produziert. Der einstige Vorzeige-Kombinats-Betrieb hat sich nach der Wende als LEIPA Georg Leinfelder GmbH zum europäischen Marktführer für Papiere auf 100%iger Recyclingbasis entwickelt. Frank Eckert, Betriebsratsvorsitzender der Leipa, Werk Süd, ist seit 40 Jahren am Standort. Ein Interview zur Entwicklung der Papier-Produktion in Schwedt und ein Ausblick auf die Zukunft. weiter >

LEIPA

Papier-Standort Schwedt Papier-Standort Schwedt: links das LEIPA, Werk Süd, und rechts LEIPA, Werk Nord, ehemals UPM.

Andreas Voss

Frank Eckert Frank Eckert Betriebsratsvorsitzender Leipa Werk Süd
Herzlichen Glückwunsch zu 60 Jahre erfolgreicher Papier-Produktion in Schwedt. Leipa gehört heute zu den Marktführern der Branche. Was ist das Rezept für Eure Kontinuität am Standort?

Das Wort Rezept ist richtig, denn es braucht viele Zutaten für den Erfolg. Der wichtigste Wert aber sind die Kolleginnen und Kollegen. Viele haben von der Pike auf hier gelernt und über alle Unwägbarkeiten hinweg dem Unternehmen die Treue gehalten. Beständigkeit, Verlässlichkeit und Verbundenheit sind da, meine ich, die richtigen Schlagworte. Zukunft braucht Herkunft. Wir wissen, woher wir kommen. Wir kennen unsere Wurzeln – das macht mit unsere Stärke aus.

30 Jahre hat Euer Werk in der DDR produziert und nun schon 30 Jahre in der BRD. Wie war denn der Übergang? Ging das ziemlich nahtlos?

Nahtlos ging gar nichts, aber wir haben es immer geschafft, Nadel und Faden in der Hand zu behalten und auch richtig einzusetzen. Von einem staatlichen Vorzeige-Kombinats-Betrieb sind wir zur Wendezeit in das Loch der Treuhandverwaltung gefallen. Zu der Zeit gab es mehr Angst als Zuversicht, aber auch Menschen, die sich der Herausforderung gestellt haben. Zu nennen sind zwei Persönlichkeiten, die der Treuhand die richtige Vision verkauft und somit den Weg für eine Perspektive ermöglicht haben: Dr. Edgar Most als Banker aus der ehemaligen DDR mit engen Drähten nach Schwedt und Dr. Hubert Schrödinger als Chef der bayrischen Leinfelder-Papierfabrik. Bis heute wurde rund eine Milliarde Euro in Schwedt investiert. Das beweist ihren Mut und die Weitsicht.

Du bist seit 40 Jahren Mitarbeiter am Standort und gehörst zu den Betriebsräten der ersten Stunde nach dem Mauerfall. Warum hast Du Dich damals gleich engagiert?

Wie das so ist im Leben, es braucht oft einen Schubser: Ich bin damals von einer engagierten jungen Gewerkschafterin gebeten worden, ihr zu helfen. Über die Vorbereitung zur ersten Betriebsratswahl im Jahr 1990 im Wahlvorstand fand ich das Thema einer neuen, gesetzlich fundierten Form der Mitarbeitermitbestimmung so interessant, dass ich auch direkt kandidiert habe.

Seitdem bin ich Betriebsrat.

Nach der ersten Betriebsratswahl 1990 war ich als ordentliches Mitglied im Bereich des Arbeitsschutz-Ausschusses tätig. Bis zur Privatisierung 1992 waren wir hauptsächlich in die Restrukturierung und Reorganisation eingebunden – also schlank machen für die Privatisierung. Interessenausgleich, Sozialplan mit Abfindungsregelungen – das waren alles sehr herausfordernde Themen für ein junges Betriebsratsgremium. Wir bekamen dabei zum Glück gleich sehr gute Unterstützung aus der Zentrale der IG BCE. Einen Namen habe ich noch parat: Wolfgang Beinert. Er hat uns hier vor Ort intensiv zur Seite gestanden.

Erzähle bitte mehr über Deinen eigenen Werdegang.

Über die Betriebsrats-Qualifizierung der Gewerkschaft konnte ich mich mit den Themen Arbeitsrecht und Wirtschaft auseinandersetzen. Von Haus aus bin ich ja Elektriker. Mit der Betriebsratswahl 1994 wurde ich dann Mitglied im Wirtschaftsausschuss und 1998 auch Mitglied im Betriebsausschuss. 2002 wurde ich erstmals zum freigestellten Betriebsratsvorsitzenden gewählt und bin in dieser Funktion bis heute immer bestätigt worden. Damals habe ich dann nochmal die Schulbank gedrückt: Ein berufsbegleitendes Studium der Betriebswirtschaftslehre hat meine Tätigkeit als Betriebsratsvorsitzender auf eine fundierte Basis auch auf diesem Gebiet gestellt. So ist es uns als Betriebsrat über die Jahre gelungen, den erfolgreichen Weg der Leipa mitzugestalten und unseren Stempel aufzudrücken.

Wie haben sich die Arbeitsplätze in den 40 Jahren gewandelt, in denen Du im Werk bist?

Da gibt es schon ein paar beeindruckende Zahlen. Im Dezember 1988, also kurz vor der Wende, hatten wir 1.835 Beschäftigte. Dann gab es den treuhand-verordneten Abbau zur Privatisierung auf 478 Beschäftigte bis zum

Dezember 1992. Heute sind wir hier am Standort wieder rund 700 Beschäftigte plus 70 Auszubildende und Studierende.

Ist so ein gigantischer Abbau nach der Wende nicht eine Reduzierung, die einen Betrieb allein wegen Arbeitskräftemangel geradezu stilllegen kann?

Die Produktion wurde für alle zumindest sehr herausfordernd. Denn es war zwar massiv Personal abgebaut, aber die Strukturen und prozessualen Abläufe waren bei weitem noch nicht durchdacht und organisiert. Dass die Kolleginnen und Kollegen diese Zeit durchgestanden haben und es uns tatsächlich gelungen ist, alle drei Produktionslinien erfolgreich weiter zu betreiben, grenzt aus heutiger Sicht schon fast an ein Wunder. Letztlich ist es der Hingabe und fast schon Aufopferungsbereitschaft der Kolleginnen und Kollegen zu verdanken, dass es weiter ging.

Wie ging es denn weiter?

Ruhe kehrte auch da nicht ein: Mit den Umbauten der Maschinen PM 1 und PM 3  sowie dem Neubau für die PM 4 einschließlich aller Nebenanlagen hat die neue Leipa-Unternehmensführung den Beschäftigten wieder viel abgefordert. Damit ist die Belegschaft aber letztlich auch gewachsen und zu einem mehr als verlässlichen Faktor geworden. Heute haben wir einen Stamm an sehr gut ausgebildeten und hochqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Viele kommen aus der eigenen Nachwuchssparte. Da zahlt sich natürlich die über 90%ige Übernahmequote der letzten beiden Jahrzehnte aus.

Was im Hintergrund für Stabilität und Sicherheit sorgt ist auch die verlässliche Basis des Tarifvertrages. Belastbare Regeln zur Arbeitszeit, Vergütung und soziale Bestandteile haben den Kolleginnen und Kollegen immer wieder Rückenhalt gegeben.

Warum sollte sich heute ein junger Mensch dafür entscheiden, Papiermacher zu werden?

Papier bestimmt unseren Alltag, von der Brötchentüte über das Küchentuch bis hin zum Toilettenpapier und Versandhändler-Paket. Wir stellen etwas her, was man anfassen, spüren und benutzen kann und das zu 100% aus Altpapier. Für junge Menschen sind Nachhaltigkeit und Umwelt wichtige Argumente.

Auch auf anderem Feld ist die Leipa hochmodern: Die Produktionsprozesse sind stark automatisiert, Industrie 4.0 hat längst Einzug gehalten. Das Unternehmen setzt darauf: Unsere Azubi-Zahlen haben wir gerade erhöht und einen zusätzlichen hauptamtlichen Ausbilder eingestellt. Zudem haben wir gerade wieder eine Auszeichnung für exzellente Ausbildungsqualität erhalten.

Hast Du Wünsche an die Zukunft des Papierstandorts Schwedt?

Ich wünsche mir, dann als Mitglied im LEIPA-Seniorenverein bei einer Betriebsführung zu sehen, wie LEIPA weiter gewachsen ist. Dass ich dann das, was wir heute als Perspektive und Vision planen, in fundierter Gegenwart erleben kann. Freuen würde ich mich, wenn heutige Azubis dann als Fach- und Führungskräfte den Eckert grüßen, der einst Betriebsratsvorsitzender war.

Herzlichen Dank für das ausführliche Interview!

Das Gespräch führte Susanne Schneider-Kettelför.

 

 

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