Interview zum Tarifabschluss Papier

"Das waren mit die schwierigsten Verhandlungen, die ich erlebt habe"

Thomas Lampart, Betriebsratsvorsitzender der Papierfabrik August Koehler SE, spricht im Interview über den Tarifabschluss der Papierindustrie.  Als Mitglied der Bundestarifkommission Papier berichtet er über den Verlauf der Verhandlungen, Reaktionen der Kollegen und Perspektiven für die Zukunft.

Thomas Lampert Thomas Lampart
29.08.2017
  • Von: Wolfgang Lenders

Wie sieht der Abschluss im Detail aus?

Wir haben 2,4 Prozent Erhöhung auf 13 Monate vereinbart, und dann kommen noch mal 1,2 Prozent für sieben Monate drauf. Die Ausbildungsvergütungen steigen ab dem 1. Juli 2017 um 30 Euro für jedes Ausbildungsjahr und ab dem 1. August 2018 noch mal um zehn Euro für jedes Jahr. Der Vertrag hat eine Gesamtlaufzeit von 20 Monaten, bis zum 28. Februar 2019.

Wie sind die Verhandlungen gelaufen?

Es war diesmal wirklich knallhart. Ich bin seit 15 Jahren dabei; das waren mit die schwierigsten Verhandlungen, die ich erlebt habe. Die Arbeitgeber waren wieder fixiert auf 24 Monate Laufzeit, mit dem Argument, sie bräuchten Planungssicherheit. Wir haben aber den Beschluss der Bundestarifkommission, dass wir von diesen langen Laufzeiten weg möchten, damit wir besser auf die Entwicklung der Wirtschaft reagieren können. Wir sind mit einer Forderung von 4,8 Prozent in die Verhandlungen reingegangen. Dann ging es hin und her. In der ersten Verhandlungsrunde gab es überhaupt kein Angebot. In der zweiten Verhandlungsrunde standen dann in den späten Abendstunden die 2,4 Prozent für 15 Monate im Raum. Vor der dritten Runde haben wir dann noch einmal intensiv die Beschäftigten mobilisiert, es sind viele Aktionen gelaufen unter den Slogans “Wir sind mehr wert“ und “ Wertschätzung sieht anders aus“. Auch die dritte Verhandlungsrunde war dann sehr schwierig; die Arbeitgeber sind bei ihrer Blockadehaltung geblieben. Es ging dann hin und her, bis wir letztendlich diesen Kompromiss gefunden haben.

Wie zufrieden seid ihr mit dem Abschluss?

Es gab lange Diskussionen in der Bundestarifkommission, bevor wir schließlich zugestimmt haben. Wir haben es geschafft, von den langen Laufzeiten wegzukommen und unsere Mitglieder haben nach 13 Monaten 3,6 Prozent mehr in der Tasche. Aber eigentlich hatten wir uns mehr vorgestellt. Und wir haben das Gefühl, dass wir mit diesem Abschluss absolut an unsere Schmerzgrenze gegangen sind. Klar ist auch: Beim nächsten Mal wollen wir mehr erreichen. Wenn die Blockadehaltung der Arbeitgeberseite so weiter bestehen bleibt, müssen wir dann stärker mobilisieren, um Druck auf die Unternehmen aufzubauen.

Wie waren die Reaktionen der Kollegen bei euch im Betrieb auf den Abschluss?

Die meisten haben gesagt, ja, ist okay, damit können wir leben. Aber einige waren schon sehr enttäuscht. Es ist auch nicht immer ganz einfach, den Abschluss zu erklären. 2,4 und 1,2 Prozent, das hört sich erst mal nicht so gut an, unter Berücksichtigung der Laufzeit sieht die Sache besser aus.

Was hat dich am Verhalten der Arbeitgeberseite gestört?

Es war kaum Entgegenkommen zu spüren. Meiner Ansicht nach muss die Arbeitgeberseite sehen, dass wir eine vernünftige Bezahlung brauchen, vor dem Hintergrund von Themen wie demographischer Wandel und Nachwuchsgewinnung in einer Branche mit Schichtarbeit. Wir haben schon lange Probleme, Azubis zu bekommen. Da müssen wir zumindest eine Zukunftsperspektive mit guter Entlohnung anbieten können.

Was ist ausschlaggebend dafür gewesen, dass es zu diesem Abschluss gekommen ist?

Wir haben in der Papierindustrie ja noch einen funktionierenden Bundesflächentarifvertrag. Große Player in unserer Branche sind immer noch die Hersteller von grafischen Papieren für den Druck. Sie haben immer eine entscheidende Rolle bei den Verhandlungen gespielt. In den 1990er Jahren hat der Bereich so geboomt, dass wir sehr gute Abschlüsse hingekriegt haben. Davon haben jahrelang auch die Beschäftigten bei den Spezialpapierherstellern, wie wir, profitiert. Inzwischen haben die grafischen Papiere allerdings große Probleme. Der Absatz geht zurück, es gibt Werksschließungen und Personalabbau. Die Unternehmen erwirtschaften nicht mehr die guten Ergebnisse wie früher.

Ist die Situation wirklich so dramatisch, wie sie manche Unternehmen gerne darstellen?

Wir haben den Strukturwandel schon seit 15 Jahren. Und leben damit. Der Strukturwandel kann nicht immer wieder als Argument dafür herhalten, dass die Mitarbeiter nicht mehr Geld bekommen. Genau das versucht die Arbeitgeberseite aber. Insgesamt geht es der Branche nicht so schlecht, wie es die Unternehmen darstellen. Nach den Zahlen, die uns vorliegen, hat sich die Gesamtsituation in der Papierindustrie nicht verschlechtert. Viele Firmen zahlen Erfolgsbeteiligungen, was sie die letzten Jahre nicht gemacht haben. So schlecht kann es denen also nicht gehen.

Ihr habt jetzt für 20 Monate abgeschlossen. Wie geht es dann weiter?

Wenn das Verhalten der Arbeitgeber so weitergeht, ist natürlich wirklich die Frage, ob es überhaupt noch Sinn macht, auf Bundesebene zu verhandeln, oder ob wir hingehen auf Landesbezirksebene verhandeln. Diese Option müssen wir prüfen. Es kann schon sein, dass wir an einem Wendepunkt angelangt sind, weil wir das nicht mehr alles unter einen Hut bekommen. Wenn die Arbeitgeber weiter so eine Blockadehaltung haben, dann ist der Bundesflächentarifvertrag in Gefahr.

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